Geschichten

«Food Waste kannten wir nicht» – Idy Bischofberger-Benz

Lisa spricht oft davon, dass ihre Grossmutter Idy Bischofberger-Benz eine ihrer grössten Vorbilder ist. Die heute 83-jährige Idy gehört zu den Aktivisten der letzten Generationen und hat sich ihr Leben lang von der Schweiz aus für weltweite Menschlichkeit eingesetzt. Sie hat den Aufschwung der Überflussgesellschaft und den steigenden Impact der westlichen Gesellschaft auf den Rest der Welt miterlebt und mit ihrem Engagement das heutige Nachhaltigkeitsbewusstsein stark mitgeprägt.

Bei einem Kräutertee und Keksen beginnt sie, mir in ihrer Wohnung in Luzern ihre Geschichte zu erzählen.

«Food Waste kannten wir nicht»

Da sie im Dorf aufwuchs, war der von ihren Eltern vorgelebte Lebensstil «nachhaltig». Obst und Gemüse waren stets saisonal und aus der Region. Während den Jahren des zweiten Weltkriegs 1939-1945 erhielt die Bevölkerung von der Gemeindeverwaltung sogenannte «Märkli», abgestimmt auf die Anzahl der Familienmitglieder. Damit konnten rationierte Lebensmittel und andere Gebrauchsartikel wie Kleider und Waschmittel bezogen waren. Es gab zudem keine Importprodukte, denn die Grenzen der Schweiz waren geschlossen. Der sorgsame Umgang mit der zugeteilten Menge war ein Muss. Food Waste kannte man nicht. Dadurch ist Idy seit ihrer Jugend daran gewöhnt, Essensresten zu verwerten statt zu verschwenden.

Die Verwertungsmentalität war auch bei der Kleidung sehr stark. In der Handarbeite lernt sie flicken und ihre Mutter war eine Künstlerin darin, aus Altem Neues zu nähen. Sie erinnert sich daran, dass sie von Klassenkameradinnen Komplimente für die schönen Kleider erhielt.

Der Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit

© Max Havelaar-Stiftung

Über das Leben in anderen Ländern hörte Idy vor allem durch Missionare, welche in Pfarreien über ihre Erlebnisse erzählten. Entgegen meinen Erwartungen ging es bei den Missionaren nicht nur darum ihren Glauben weiterzutragen. Im letzten Jahrhundert hat sich die Ansicht der Missionen stark verändert. Die Missionen setzten sich vor allem für Bildung und im Gesundheitswesen ein. Sie wollten den Menschen als Ganzen unterstützen – an Leib und Seele. Damals erfolgte globale Unterstützung meist durch die Missionen. Diese Berichte haben zur Entstehung verschiedenster Organisationen und Hilfswerken geführt, bei denen Theologen oft eine tragende Rolle spielten.

Ende der 1950er Jahre hatten die katholischen Jugendverbände veranlasst, ein Missionsjahr auszurufen, aus welchem das Hilfswerk „Fastenopfer“ hervorging. Diese Aufbruchstimmung hatte das Entstehen weiterer Hilfswerke und Institutionen wie „Brot für alle“, „Public Eye“ oder die „Max-Havelaar-Stiftung“ zur Folge, welche die Zusammenhänge zwischen den Ländern des Südens und des Nordens aufzeigten. Vorerst ging es um das Sammeln von Geld, später aber auch um Bewusstseinsbildung in der Schweiz zu schlecht bezahlten Arbeitsplätzen, Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung.

Drei enge Gymnasiumskollegen von Idys Ehemann Pius, welche Missionare waren, wurden in den 70er Jahren während dem Befreiungskampf in Simbabwe ermordet. Das weisse Regime unter Ian Smith wollte damals nicht, dass die schwarzen Afrikaner Bildung erhalten. Dieses Ereignis hatte Idy und Pius stark geprägt und darin bestärkt, sich einzusetzen.

Der Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit war das, was viele dazu veranlasst hat, sich für globale Zusammenhänge einzusetzen. Bei Idy war die Religion ein zentraler Antrieb für ihr Engagement. Das Christentum und ihr Vertrauen auf Gott hat sie immer wieder dazu motiviert, genauer hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen. Die Bergpredigt der Bibel mit den Seligpreisungen war wegleitend bei Fragen zu Gerechtigkeit und Unterstützung von Benachteiligten. Für einen Lebensstil, der anderen nicht schadet, war ihr auch das Thema Fairtrade sehr wichtig.

Zu dieser Zeit entstanden in den Kirchgemeinden Missions- oder 3.Welt-Gruppen. Die genannten Hilfswerke gaben Impulse für Standaktionen und das Überprüfen des persönlichen Lebensstils.

Globale Zusammenhänge im Quartier angehen

Damals in ihrer eigenen 3. Welt-Gruppe in Zürich Wollishofen sind die Beteiligten alle zwei Wochen zusammengekommen und haben sich überlegt, wie sie die Informationen der Hilfswerke über die globalen Zusammenhänge im Quartier umsetzen können.

Sie verkauften den ersten fair gehandelten Kaffee Ujamaa aus Tansania und Einkaufstaschen aus Bangladesch mit der Aufschrift «Jute statt Plastik» oder «Hunger ist ein Skandal – global denken, lokal handeln». In den1980er Jahren konnte man bei ihnen fair produzierte Bananen und fairen Bohnenkaffee aus Nicaragua beziehen.

Doch nicht immer waren die Reaktionen auf ihre Aktionen positiv. Während der kalte Krieg im Gange war, wurde alles, was etwas in Frage stellte, als kommunistisch abgestempelt. Ihre Gruppe organisierte einen Stand mit fair produzierten Produkten der Caritas, sowie Bananen und Kaffee aus Nicaragua. Da tauchte plötzlich jemand auf, der ihren Stand packte und ihn umwarf, während er sie wüst als Kommunisten beschimpfte.

Einer der grössten Erfolge der 3.Welt-Gruppe war, als sie im Quartierkino Filme von afrikanischen Filmschaffenden aufführten. Den Leuten war nicht bewusst, dass afrikanische Filmemacher gute Filme machen könnten. Auch die von Idy genossene afrikanische Literatur war nicht bekannt.

Ein weiterer spannender und erfolgreicher Anlass war ein Essparcours, den sie organisierten. An einem grossen Buffet gab es an einem Novembertag zu Gschwellti Mango- und Ananassaft, sowie frischen Most ab Presse aus der Region, daneben Schweizer Käse und Crevetten, Kopf- und Kabissalat. Zu den Speisen und Getränken erhielten die Teilnehmenden Punktekarten. Import- und nicht saisongerechte Speisen erhielten Minus-Punkte, die andern Plus-Punkte. Anhand der Punktezahl konnten alle feststellen, ob sie nachhaltig handelten.

Der nachhaltige Lebensstil heute

Lange hatten Idy und Pius einen grossen Garten. Wie Idy es vom Elternhaus kannte, haben sie ihre Erzeugnisse für die Haltbarkeit gedörrt und eingemacht. Äpfel hatten sie in Scheiben geschnitzt, an einem Faden aufgezogen und an der Hauswand aufgehängt, um sie ohne zusätzliche Energie zu dörren.

Heute leben sie in der Stadt Luzern und kaufen in der Nähe ihrer Wohnung lokale Produkte im Supermarkt, beim nahegelegenen Klosterladen oder beim Hof, bei dem sie bei ihren Spaziergängen vorbeikommen. Was sie nicht mehr selbst produzieren können, kaufen sie ein. Idy gab mir beispielsweise ein Päckchen Dörrbohnen mit, welche sie im Klosterladen gekauft hatte.

Als Aktivistin tätig ist sie heute nicht mehr, jedoch unterstützt sie durch Spenden gute Organisationen, mit denen sie auch eine zum Teil persönliche Geschichte teilt.

All diese kleinen Aufbrüche haben bei vielen ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen den Blick für grössere Zusammenhänge geschärft und den persönlichen Lebensstil entsprechend geprägt. Idy ist froh über die Entwicklung, die es in der Schweiz gab und immer noch gibt. Für fast alle Lebensbereiche sind fair gehandelte Produkte erhältlich. Damals hätte sie nicht gedacht, dass solche Produkte zu ähnlichen Preisen wie konventionell hergestellte Produkte in den Regalen von Grossverteilern zu finden sein würden. Auch Informationen zu den globalen Zusammenhängen sind breiter verteilt.

Den Schlüssel sieht Idy ähnlich wie wir im persönlichen Lebensstil, darin, nicht alles haben zu müssen, sowie bei den Dingen in die Tiefe zu gehen.

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2 Kommentare

  • Antworten STADT - LAND - GNUSS (@StadtLandGnuss) 16. Januar, 2018 at 08:59

    Ein toller Artikel!

    Liebe Grüsse Ilona

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